Hast du musikalische Vorbilder?

Hm, wer hat die nicht?!? Das waren eigentlich so ziemlich alle Musiker, deren Texte Herz und Hirn hatten - also keine so große Auswahl. Die Musik war mir da fast schon nebensächlich, sie durfte mich halt nur nicht vergraulen. Aber klar, konkret nenne ich immer Lennon, Dylan, Cohen, die ich auch genau in dieser Reihenfolge musikalisch kennen gelernt habe. Lennon war für mich der Rebell mit seinen Texten, seiner - für die damalige Zeit - eher pragmatischen Musik und seiner durchaus eigenwilligen Art zu leben; er lebte seine Lieder. Dylan hingegen empfand ich als sehr sympathisch, weil er offensichtlich genau so neurotisch war wie ich, voller Komplexe, nur in seiner eigenen kleinen Welt lebend; seine Texte spiegelten exakt das wieder, was auch ich dachte und fühlte. Und dann hörte ich Leonard Cohen. Er sprach mich am meisten an, was wohl an seiner Stimme lag. Wenn er singt, dann spüre ich förmlich seine Trauer, seine Freude, seine Einsamkeit, und dazu diese tolle Musik, sehr minimal, aber das Tüpfelchen auf dem i.
Deutsche Vorbilder gab es für mich nicht. Das lag aber hauptsächlich daran, daß ich einige Jahre im Ausland verbrachte. So entdeckte ich erst sehr viel später, daß es auch sehr gute deutsche Liedermacher gab, nachdem meine musikalische Persönlichkeit bereits gebildet war. Am meisten beeindruckt hat mich Klaus Hoffmann, so vielseitig, so melancholisch, so einfühlsam - aber mit einer unvergleichbar besseren Stimme als ich. Die Qualität seiner Musik, die hervorragenden Texte, die Ausgewogenheit seiner Arrangements - er war einfach ganzheitlich sehr gut. Ganz speziell dieser Musiker trieb mich nahezu in die Depression - so gut gefiel er mir, besser, viel, viel besser als ich mir selbst; aber ich lebe trotzdem noch :-) Außerdem muß ich diese Aussage auf eine CD beschränken, die ich von ihm kenne: "Ich will Gesang, will Spiel und Tanz"; was er sonst noch gemacht hat, weiß ich nicht.
So geht es mir mit Falco, ich kenne nur "Falco 3" - abgesehen von dem, was hin und wieder im Radio gespielt wurde -, und auch dieses Album gefällt mir phantastisch, sehr anregend - abgesehen von "Arabian Nights", das hat der Curt Cress ganz schön verhackt, aus meiner Sicht.
Ich mag einfach Menschen, die alles andere als konform sind, die ihre eigenen Wege gehen.

 

Wie bist du überhaupt zur Musik, zur Gitarre gekommen?
Hattest du Unterricht?

Ich muß so 14-15 Jahre alt gewesen sein, als ich mir überlegte, wie ich meine Gefühle vermitteln sollte, da ich im Grunde ein sehr verschlossener Mensch war, der gewaltige Probleme mit der Kommunikation hatte. Und nicht nur das: in meinem kurzen Leben hatte es bereits so viel an Entsetzlichem gegeben, das sich in einer normalen Konversation auch garnicht artikulieren und vermitteln ließ, viele dem vorbestimmten Lebensentwurf völlig entgegenlaufende Strebungen, beschämende Phantasien, destruktive Gefühle, und dergleichen mehr. Und ich wußte, daß ich damit weder leben konnte noch wollte, daß es mir vermutlich nur durch eine Selbsttötung gelingen würde, etwas von meiner Verzweiflung zu vermitteln, bei meinen Mitmenschen durch den Suizid etwas auszulösen, was meinen eigenen katastrophischen Erfahrungen recht nahe kam. Doch ich war zu jung, zu feige, wollte trotz alledem leben. Also hatte ich angefangen, Gedichte zu schreiben, in denen ich mein seelisches Erleben vermittelte. Aber: wer will schon Gedichte hören? Also lag es nahe, diese Worte mit einem geeigneten Medium an die Öffentlichkeit zu bringen. Und nach dem damaligen Zeitgeist war Gitarre halt "in", dazu auch noch relativ einfach zu erlernen und zu transportieren. Also machte ich mich daran, und über Jahre hinweg war dann die Gitarre auch mein bevorzugtes Mittel, um Bekanntschaften zu machen. Natürlich dachte ich damals nicht so rational, doch rückblickend ergibt sich genau diese klare Linie.

 

Wie ging es dann musikalisch weiter?

Die nächsten Jahre, also ab 17, verbrachte ich fast ausschließlich im Ausland, wo ich hauptsächlich von Straßenmusik lebte. Mit 22 kehrte ich nach Deutschland zurück, spielte in einigen Clubs, lehnte aber Angebote von Bands ab, die mich als Frontman haben wollten. Das Problem war - und ist! -, daß ich im Grunde nur meine eigene Musik spielen kann; es gibt nicht so viele Songs, die ich covern würde. Und dazu kam meine starke Tendenz zur Isolation, die fast schon anti-sozial ist, sodaß ich also nicht bereit war, mich in eine Gruppe einzufügen. Außerdem hatten mich die Jahre auf der Straße, das Leben in anderen Kulturen dermaßen verändert, daß ich ungeheure Probleme hatte, mich überhaupt wieder in diese tolle deutsche Gesellschaft zu integrieren. Es ist mir nie wirklich gelungen, aber ich habe es geschafft, mein persönliches Leben innerhalb gewisser Grenzen auszuleben, während ich mich für die andere Zeit mit den Gegebenheiten arrangierte. Ja, und nach 3 Jahren in Deutschland begann ich mich langsam wieder zu öffnen, und da die Musik-Szene auch nicht stehen geblieben und "unplugged" aus der Mode war, begann auch ich mich musikalisch weiter zu entwickeln. Ich zog nach Süddeutschland und begann nach und nach Musiker um mich zu sammeln, die ähnliche Vorstellungen hatten wie ich. Das begann mit "Finch & Friends", d.h. ich spielte im Grunde allein bzw. mit vielleicht noch einem Gitarristen oder auch Clarinetten-Spieler zusammen, und dazu kamen dann spontan andere Musiker von den Bands, die auch am gleichen Ort spielten. Das war eine phantastische Zeit, musikalisch gesehen, weil ich am Anfang meines Sets nie wußte, wer am Schluß alles mitspielen würde; aus diesen Sessions haben sich einige gute Ideen entwickelt, sodaß ich dann eben begann, gezielt nach Musikern für eine feste Besetzung zu suchen, Musiker, die vielseitig genug waren, um alle meine neuen Eindrücke und Ideen umzusetzen. Und so entstand die "Finch Connection". Da ich damals in eben diesem kleinen Dorf an der Schweizer Grenze lebte, war die Auswahl an guten Musikern natürlich um einiges bescheidener als in einer Großstadt. Andererseits hatte ich damit begonnen, ein kleines Studio auszubauen, in dem ich mein erstes Album produzieren wollte, was sich in dieser ländlichen Gegend natürlich schnell herum sprach. Und dadurch kam es auch, daß immer mal wieder Musiker anschellten und nachfragten, ob ich nicht noch den einen oder anderen Instrumentalisten brauche. Und bald schon hatte ich eine feste Band, bestehend aus Bassist, Gitarrist, Drummer und Keyboarder; ich selbst spielte meist die Rhythmus-Gitarre - oder auch mal das Keyboard - und sang dazu. Und für die ganz speziellen Parts holte ich mir dann Gastmusiker, die nur diesen Part spielten; wie z.B. der Saxophonist auf "'bout us". Dieser Einsatz war überhaupt äußerst witzig: ich hatte einfach rumgefragt, ob jemand einen Saxophonisten kennt. Und es dauerte nicht lange, bis unser Keyboarder mit diesem TanzMucker kam. Er war Notist und hatte noch nie improvisiert, und wir improvisierten nur, da wir wiederum nichts mit Noten anfangen konnten. Also spielten wir zweimal das Stück, und die dritte Probe ist praktisch die Aufnahme, die jetzt auf der HM-CD zu hören ist; und meines Erachtens ist darauf der Saxophonist am besten, obwohl der hier zum ersten Mal in seinem Leben improvisiert hatte (lacht). Hallo, solltest du das lesen, melde dich doch mal; ich glaube, du kamst aus Bad Säckingen (winkt). Doch insgesamt war ich mit der Situation nicht zufrieden: ich hätte lieber mit Multi-Instrumentalisten gearbeitet, sodaß ich mit einer festen Band alle Songs hätte spielen können, ohne immer auf der Suche nach einem Spezialisten zu sein. Und genau zu der Zeit, als wirklich sehr fähige Musiker begannen, an den Sessions teilzunehmen, ich mit einem Gitarristen noch an dem Projekt "Jeff Costello & die eiskalten Engel" arbeitete, die Single "I got stoned" und ein Sampler mit zwei unserer Stücke auf den Markt kamen, löste ich innerhalb von wenigen Wochen die Band, das Studio und meinen Haushalt wieder auf, um mich wieder einmal in die Einsamkeit der Wälder zurück zu ziehen: die nächsten Jahre lebte ich völlig ohne Musik, hatte nicht einmal mehr ein Radio - und vermißte auch nichts.
Glaubte ich jedenfalls; warum träumte ich dann aber hin und wieder den alten Traum vom Musiker, von der perfekten Band?!

 

Nun, offensichtlich ist aus dem Traum dann ja doch Realität geworden.

Als ich damals aufhörte mit der Musik, kamen Drum-Computer immer mehr in Mode, und obwohl ich im Grunde gegen Maschinen war - ich hatte mich ja schließlich zurück gezogen, um zu den Ursprüngen des Lebens zurückzukehren, was immer das auch für den einzelnen Menschen bedeuten mag -, stellte ich mir in eben diesen Tagträumen vor, wie phantastisch es wäre, wenn jede Art von Musik von Computern generiert bzw. gespielt werden könnte. Dann wär ich völlig unabhängig von einzelnen Musikern, vor allem aber auch von deren persönlichen Ambitionen: nicht zur Probe erscheinen, oder zu stoned oder betrunken; ich hätte mich da lieber auf die Zuverlässigkeit und Pflegeleichtigkeit von Computern verlassen.
Und als ich dann nach einigen Jahre aus meinem inneren Dschungel zurückkehrte in die Welt, mich wieder für Musik zu interessieren begann, mußte ich feststellen, daß auf dem Musik-Markt inzwischen ein wahrer Evolutions-Sprung stattgefunden hatte: MIDI. Ich habe anfangs überhaupt nicht kapiert, wie durch ein einziges Kabel Informationen für 16 verschiedene Kanäle laufen konnten, weil ich natürlich "analog" dachte: ein Kabel, ein Kanal. Doch ließ ich natürlich nicht locker, vor allem auch deshalb nicht, weil der digitale Klang, der mir aus einer Unzahl von Sound-Modulen entgegen blies, ständig an Qualität gewann, sodaß ich tatsächlich nahezu keinen Unterschied mehr hören konnte zwischen Naturinstrumenten und deren digitaler Kopie; hinzu kam sicher auch, daß das Ohr sich durch die CD bereits an digitalen Klang gewöhnt hatte. Ich las alles an Information, was ich über die neue Technik in Erfahrung bringen konnte und wußte schon sehr bald, daß mein heimlicher Traum, eine komplette Band auf Knopfdruck, auf dem besten Wege war, in Erfüllung zu gehen. Dank MIDI konnte ich einen Musiker seine Vorstellungen von einem Song endlos lang in den PC spielen lassen - ich habe von Anfang an direkt Computer eingesetzt, keine Hardware-Sequenzer -, und egal, wie er drauf war: ich konnte später die besten Takte rausschneiden und zu einem durchgehenden Stück verbinden; und wenn der Musiker es absolut nicht brachte, dann gab es ja auch noch andere. Zwar war ich noch immer auf Musiker angewiesen, aber ich kam meinem Traum vom Album doch ein gewaltiges Stück näher.

 

Und nun liegt das Album vor: "Homo Melencholicus".

Da ich begonnen hatte, meine Songs wie ein Puzzle teilweise Takt für Takt aus den Ergüssen anderer Musiker zusammen zu setzen, lag es für mich natürlich nahe, auch mal sogenannte "Compositions-Tools" anzutesten. Programme also, die mehr oder weniger gut versuchten, echte Musiker nachzuahmen, d.h. im Grunde nur bestimmte Musik-Stile. Sicher waren die Ergebnisse einiger dieser Hilfen ganz nett; doch irgendwie klangen die MIDI-Files alle sehr ähnlich, und das war ja auch nicht weiter verwunderlich: waren die einzelnen Stile doch in der Regel auch vom Programmierer erstellt, und damit weitgehend von seinem ganz persönlichen Stil abhängig. Ich war immer schon nach wenigen Versuchen müde von den Programmen, weil sie letztlich doch wesentlich unflexibler spielten als verschiedene Musiker; ist ja auch logisch. Zwar nutzte ich hier auch mal diesen oder jenen Track, aber es war noch immer nichts durchgehendes: nach wie vor lud ich die mit den verschiedenen Programmen erzeugten MIDI-Files in "Logic" und schnipselte hier wieder die Songs Takt für Takt zurecht. Natürlich spielte ich verschiedene Gitarren-Parts per MIDI-Controller live ein, und auch etwas Keyboards. Aber im großen und ganzen waren die Songs das Ergebnis meines Puzzles. Und dann entdeckte ich Band-in-a-Box (BBW). Na toll, dachte ich, noch ein Composing-Tool, also muß ich das auch einmal testen. Und ich versuchte dies und das, spielte viel herum, hörte mir sämtliche Beispiele an und probierte alle möglichen Einstellungen. Doch auch nach Tagen hatte ich noch nicht den Sättigungsgrad erreicht, der sich bei allen anderen Tools schon nach wenigen Stunden eingestellt hatte; den Punkt, an dem ich spürte: jetzt geht alles wieder von vorn los, nur noch ständige Wiederholungen mit unmerklichen Veränderungen der vorherigen Stile. BBW aber war anders. Auch nach Tagen hatte ich nicht den Eindruck, daß sich die Songs und Phrasen zu wiederholen begannen, daß doch wieder alles gleich oder ähnlich klang. Nein, zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, daß hier immer wieder völlig andere Musiker spielten, und ich war auch nach einer Woche noch nicht müde, mir immer wieder neue "Bands" anzuhören. Und das war auch nicht verwunderlich, da die Programmierer von BBW völlig anders an die Erzeugung von Styles herangingen: sie schrieben z.B. nicht einen Stil, der "Rock" hieß, vielmehr analysierten sie die Techniken und Spielweisen verschiedenster Musiker, und so kann ich unter dem Begriff von "Rock" auf die Eigenarten diverser Künstler zurückgreifen: Fats Domino, Sam Cook, die Beatles, James Brown usw.. Mit einem Wort: ich hatte "mein" Programm, nein, meine "Band" gefunden, denn ich war plötzlich in der Lage, für meine "Band" einige der besten Musiker zur Verfügung zu haben. Und so begann dann die tatsächliche Produktion von "Homo Melencholicus", die fast ausschließlich aus Tracks von BBW besteht; außer "'bout us", das, wie gesagt, eigentlich der Mitschnitt einer Probe ist, und "Die Moritat von den 3 Rosen", das ich mit einem ehemaligen Gitarristen, Wolfram Fiedler, unter dem Projektnamen "Jeff Costello & die eisklaten Engel" eingespielt hatte. Wolfram schrieb Text und Musik, spielte sämtliche Gitarren, während ich die Drums programmierte und natürlich sang. Es war also sein Projekt, für das er aber unbedingt meine (O-Ton Wolfram) "legendäre Stimme" wollte (lacht). Auch "Mach dich auf den langen Weg" hatte ich bereits früher arrangiert und eingespielt, auf einem C64; ich hatte es nur vom C64 auf den ATARI, mit dem ich lange gearbeitet habe, und von dort auf den PC portiert. Die restlichen Songs aber sind außschließlich mit BBW komponiert.

 

Spielst du noch andere Instrumente?

Nö, dann hätte ich persönlich wohl kein MIDI gebraucht (lacht). Aber heute weiß ich, daß Klavier eigentlich "mein" Instrument gewesen wäre, man kann sich darauf so wunderbar "ausdrücken".

 

Woher nimmst du die Sounds?

Presets, ROM-Player, Samples, an denen nur wenig verändert wird - wenn überhaupt etwas. Mein Lieblings-Soundlieferant ist Roland, weil bei diesen Maschinen die Klänge so warm sind, voll, rund und nicht synthetisch klingen wie bei Yamaha. Allerdings eignen sich die Yamaha-Sounds sehr gut für abgefahrene Synthie-Klänge. Auch von AKAI gab es ein sehr gutes Drum-Modul, das XR10. Diese Sounds habe ich gesampelt, um sie vom Sampler oder direkt aus Logic zu spielen. Grundsätzlich aber würde ich mich nicht als Synthie-Freak oder Soundtüftler bezeichnen, der endlos an seinen Klängen feilt. Wie gesagt benutze ich meist Presets, die ich gegebenenfalls etwas editiere, bis sie meinen Vorstellungen entsprechen. Ich arbeite lieber etwas länger an der Komposition oder am Arrangement, als an den Sounds selber. Und das ist dann auch eher Spielerei, um mich von der mühseligen Arbeit des Zerschneidens und Zusammenfügens von Takten zu erholen; denn auf diese Art entstehen noch immer die Songs, also nach meiner alten Puzzle-Methode. Und doch, auch wenn ich in einem Stück nicht eine einzige Note selbst eingespielt habe, so betrachte ich das Ergebnis des Puzzles auf jeden Fall als meine ganz persönliche Komposition, weil ich die Takte und einzelne Noten so lange kopiere, verschiebe oder sonstwie verändere, bis alles so klingt wie in meinem Kopf. Im Prinzip ist das ja auch die gleiche Art und Weise, wie ich vor BBW mit Musikern gearbeitet habe: wenn wir unsere Probe-Mitschnitte abhörten, dann habe ich den jeweiligen Musikern immer gesagt, wie sie bestimmte Phrasen spielen sollten. Im Grunde also die gleiche Art und Weise des langsamen Aufbaus eines Songs: Takt für Takt. Nur daß ich mit BBW und Logic nun endlich eine Band habe, die auf Knopfdruck genau das spielt, was ich hören möchte, und die niemals zu betrunken ist oder zu stoned zu spielen, die niemals unpünktlich ist oder verschlafen, und die immer dann Lust hat zu spielen, wenn auch ich es will - außer bei Stromausfall (lacht). Und dank BBW habe ich einige der besten Musiker der Welt "at my finger tips"; was könnte ich mehr wollen!?! Sicher, für einige Solo-Parts wie Gitarre oder Sax werde ich auch weiterhin "echte" Musiker einsetzen; aber die Grundlage, besser gesagt: 90% einer Produktion entstehen mit den "Musikern" von BBW.

 

Sind die Drum-Patterns selbst programmiert oder benutzt du auch Loops?

Sowohl als auch. Manchmal benutze ich anfänglich Loops, einfach, um eine Grundlage zu haben oder auch, um verschiedene Stile zu probieren, bis der passende gefunden ist. Und dann wird einfach so lange getüftelt, bis alles rund klingt, organisch. So mag am Ende einer Produktion der ursprüngliche Loop noch immer vorhanden, kann aber auch genau so gut im Laufe der Produktion völlig verändert worden sein. Aber in der Regel starte ich eh mit Drum-Patterns, weil man die schneller editieren kann. Dann wird probiert und experimentiert, bis es mir gefällt. Und wenn die Drums dann stehen, ersetze ich manchmal einen Teil der MIDI-Instrumente durch "echte" Drum-Sounds, die ich praktisch nur noch per MIDI trigger.

 

Gesang hat bei dir einen großen Stellenwert. Verwendest du viel Zeit auf das Schneiden und Perfektionieren?

(lacht) Die Frage gefällt mir, vor allem, weil ich die Vocals für die HM-CD eigentlich noch garnicht aufgenommen habe; was du da hörst sind einfache Tracks, die ich nur zur Orientierung dienen, um die Musik darauf abzustimmen. Und die endgültigen Vocals werde ich auch erst dann aufnehmen, wenn ich die Gelegenheit habe, mit einer Mixer-Automation oder eben direkt einem digitalen Pult zu arbeiten. Somit ist deine Frage also eher theoretischer Art (lacht). Doch kann ich mit Sicherheit sagen, daß ich sehr viel Zeit auf die Vocals verwenden werde, vor allem, weil mir meine Stimme garnicht gefällt. Und so müßte ich eigentlich sagen: der Text im Zusammenhang mit meiner Stimme hat für mich einen großen Stellenwert. Allerdings benötige ich für die Texte nur einen Bruchteil der Zeit, die ich für die Vocals benötige (lacht). Aber wenn meine Stimme auch nicht ausgebildet ist, ich alles andere als eine gute Gesangstechnik habe, so denke ich doch, daß meine Stimme gut zu den Liedern paßt, daß die Melancholie meiner Songs sich gut durch den spröden Charme meiner Stimme ausdrücken läßt. Niemals aber käme ich auf die Idee, mich als "Sänger" im herkömmlichen Sinn zu betrachten; ich sehe mich eher als Erzähler, als eloquenten Storyteller, vielleicht so in der Tradition der alten Barden oder Bänkelsänger, die mit ihren Liedern herumzogen und Geschichten aus dem Leben unter das Volk brachten. Denen kam es wohl auch eher darauf an, ihre Geschichten zu erzählen, ihre Moritaten - was nichts anderes bedeutet als Schauergeschichte. Die Musik ist da eher das Transportmittel, um überhaupt die Menschen dazu zu bewegen - damals wie heute -, zu zuhören; denn wer hört sich heute noch Gedichte an ?!? Und das waren viele meiner Songs ursprünglich: Gedichte. Erst später dann, als ich Gitarre lernte, begann ich beim Schreiben in Song-Strukturen zu denken, also z.B. in Einteilungen wie Strophen, Refrain, Bridge usw.. Fazit: ich versuche, das beste aus meiner Stimme zu machen und habe auch keinerlei Problem damit, sie technisch "aufzubereiten", damit sie ansprechender klingt. Warum auch nicht, schließlich macht man das ja auch mit Gitarren und anderen Instrumenten. Und für mich ist die Stimme nichts anderes als ein weiteres Instrument; darum hätte ich auch grundsätzlich kein Problem damit, Tools wie "AutoTune" einzusetzen - das ich aber (noch) nicht besitze (lacht). Doch wenn es mir dabei hilft, meine Vorstellungen zu realisieren - prima. Hauptsache ist, daß der Song in seiner Gesamtheit am Schluß der Produktion meinen Vorstellungen entspricht, harmonisch klingt, gefühls"echt", sodaß er ein Gefühl auslöst. Denn das ist für mich das A und O einer Produktion: der Titel muß ein bestimmtes Gefühl vermitteln. Ist mir das gelungen, ist mir dieser Song gelungen, unabhängig davon, ob der "Gesang" - für sich allein betrachtet - "gut" klingt, ob die Stimme begeistert. Mir reicht es schon, wenn ich nicht falsch singe (lacht). Die Stimme ist für mich also nur, was sie natürlicher Weise auch ist: ein Transportmittel, ein Instrument, das den Text präsentiert.

 

Und wie bringst du das alles live rüber?

In der momentanen Phase meines musikalischen Schaffens gibt es keine Live-Auftritte. Doch sollte es sich ergeben, daß Konzerte gewünscht werden, dann nur mit echten Musikern. Auf der Bühne möchte ich keine Sequenzer im Hintergrund laufen haben - live soll also wirklich "live" sein. Da würde ich mich dann nach entsprechend fähigen Musikern umsehen. Und da die Songs ja auch schon als Notation vorliegen - dank Logic -, sollte das Einstudieren der Stücke für gute Musiker ja kein großes Problem sein.

 

Anfangs sagtest du, daß du keine Maschinen magst, produzierst aber das ganze Album damit; und obwohl durch all deine Antworten eine gewisse Abneigung gegen "echte" Musiker durchklingt, sprichts du nun doch wieder von einer Band?!? Das klingt irgendwie widersprüchlich!

Warum, bist du auf eine Entweder-Oder-Dichotomie trainiert (lacht)? Ich halte mehr von Sowohl-als-auch, nicht, weil ich mich nicht entscheiden kann, sondern weil das Leben ganz einfach zu vielschichtig ist, als es auf eine einzige Ebene zu reduzieren, und auch mehrere verschiedene Möglichkeiten gleichzeitig stattfinden können. Aber vielleicht muß man dafür auch schizoid genug sein (lacht). Ok, daß das HM-Album "maschinell" entstanden ist, hat zwei Gründe: die Produktion mit MIDI und digitalem Audio hat mich - abgesehen von der Unabhängigkeit - auch deshalb so fasziniert, weil ich in meinem Schlafzimmer praktisch eine ganze Produktion fahren kann, ohne irgend jemand zu belästigen. Und Lärmbelästigung zählt bei mir zu den Kapitalverbrechen oder Todsünden (lacht). Und den zweiten Grund hast du im Grunde schon selbst erkannt, als du in deiner Frage auf eine "gewisse Abneigung gegen "echte" Musiker" anspieltest. Es ist natürlich nicht wirklich eine Abneigung gegen echte Musiker im Speziellen, eher muß ich wohl zugeben, daß ich nicht der große Philanthrop bin, der ich vielleicht gerne wäre. Dafür habe ich zu viel von diesem Leben gesehen, als daß ich die menschliche Gesellschaft grundsätzlich als "Quelle der Freude" betrachten würde. Darum auch immer wieder meine sporadischen Rückzüge in die Isolation, die ich ja auch schon erwähnte.

 

HM - ein Album voll dunkler und zugleich enorm vitaler Songgebilde, von denen selbst die langsamen Balladen ständig von einem treibenden Baß oder Schlagzeug und Percussions angetrieben werden.

Ja, ich liebe diese Spannung zwischen langsamen, melancholischen Melodien und den oftmals treibenden Drums, "Lolita" dürfte ein gutes Beispiel dafür sein. Insgesamt mag ich diese Mischung der CD, diesen faszinierenden Balance-Akt zwischen Jazz angehauchtem Pop, mit Elementen aus Rock, Folk und Hip-Hop oder Dance, gewürzt mit voller Lebensfreude überschäumenden südamerikanischen Tanz- und Rhythmus-Elementen, die oft im krassen Gegensatz stehen zu den teilweise morbiden, sicher aber melancholischen Texten. Entsprechend farbig sind die Arrangements der Songs ausgefallen. Und wenn das mal ein Kritiker schreibt, dann wäre ich darauf sehr stolz (lacht). Im Grunde, glaube ich, spiegelt diese CD meine eigenen inneren Spannungen wider.

 

Wie siehst du selbst den kommerziellen Erfolg deines Debut-Albums?

Nun, wenn ich etwas mit Bestimmtheit sagen kann, dann auf jeden Fall: dieses Album ist sicher nicht dazu bestimmt, ein kommerzieller Erfolg zu werden; dafür ist es zu persönlich. Doch gerade weil die Lieder so persönlich, gerade weil sie kein Konsumgut sind, treffen sie tief im Herzen - oder garnicht. Es sind keine Songs zum Mitsingen, sondern um mitzufühlen.

Diese Lieder sind so intim, daß sie wohl kaum die Erwartungen einer "Spaß"-Gesellschaft erfüllen, deren Sinnerfüllung in Oberflächlichkeit, Distanz und Ausblendung der Realität besteht. Somit eignet sich kaum ein Titel, um die öffentlich-rechtlich verordnete Vorstellung von "Unterhaltung" zu fördern - allenfalls vielleicht "I got blue" oder die "censored radio edit"-Version von Lolita. Also ist schon von vornherein die Möglichkeit zum Scheitern verurteilt, den Bekanntheitsgrad durch öffentliche Vorstellung über den Äther zu fördern, da aus meiner Sicht der öffentlich-rechtliche Anspruch auf Banalität nicht erfüllt ist. Dafür sind meine Songs zu "außergewöhnlich", was weder eine Abwertung anderer Musik bedeuten soll noch eine Aufwertung meiner eigenen; mit "außergewöhnlich" will ich ausdrücken, daß meine Texte außerhalb der gewöhnlichen Erwartung an Pop-Texten liegen. So, wie die Bezeichnung "abnorm" grundsätzlich keine Wertigkeit enthält, sondern nur darauf hinweist, daß etwas sich außerhalb einer definierten Norm befindet - die sich allerdings auch ständig ändert (lacht). Mit der Musik gäbe es wohl nicht einmal Probleme, wenn sie vielleicht auch etwas eigenartig ist, aber die Texte - sicher nicht geeignet für das Hausfrauen-Radio der schönen, neuen Welt oder eine Schlagerparade im Fernsehen. Aber da ich ein bescheidener Mensch bin, würde mir auch schon die Insider-Popularität eines Leonard Cohen ausreichen, der so gut wie garnicht im Radio gespielt wird und dennoch von seinen Ergüssen leben kann (lacht).

 

Wie entstehen die Texte?

Es ist wohl unschwer zu erkennen, daß sämtliches Material höchst autobiographisch ist. Und damit ist auch das Wesentliche gesagt: ich schaue dem Leben tief in die Augen, betreibe stille Introspektion, und was ich sehe, reflektiere ich in meinen Liedern: den Verfall der menschlichen Ordnung genußvoll ironisch gewürzt mit meinem eigenen Weltschmerz. Es geht mir also garnicht so sehr darum, bahnbrechende Einsichten oder philosophische Orgasmen zu beschreiben - mir reicht die einfache, grausame Banalität oder banale Grausamkeit des täglichen Lebens. Es gibt nur wenige Songs, die nicht aus einem inneren Bedürfnis geschrieben wurden. Spontan fällt mir dazu eigentlich nur "Concrete" ein, das ich für einen Wettbewerb geschrieben hatte; ist allerdings nicht auf diesem Album. Und doch ist auch in diesem Stück der Text nicht ein an Beliebigkeit kaum zu übertreffender Schlagertext; auch hier habe ich versucht - trotz der Künstlichkeit seiner Entstehung -, meine Gedanken und Gefühle zu einem bestimmten Thema zu äußern. Aber grundsätzlich gilt für alle meine Songs - überhaupt für alles, was ich je geschrieben habe -: entstanden ist es, fast schon geboren, weil etwas in mir dazu gedrängt hat, etwas, daß vom Bauch in den Kopf wanderte, und von dort in meine Finger, etwas, daß ich in die äußere Welt schreien mußte, um nicht an dem zu ersticken, was ich sehe.

 

Und die Musik, wie entstehen die Strukturen?

Zuerst einmal ist da eine Melodie, alles weitere ist sehr unterschiedlich, also alles sehr dynamisch, geschieht eben aus dem Bauch heraus. Ich experimentiere mit möglichen Interpretationen des Songs, weil der Text in gewisser Hinsicht schon die Musik beeinflußt, und während ich so herumspiele, spüre ich dann irgendwann, in welche Richtung es geht, beginnt der Aufbau sich wie von selbst heraus zu kristallisieren. Ist wie ein Adrenalin-Cocktail. Sobald ich diesen Kick spüre, weiß ich, welcher Stil, welches Arrangement für diesen Song genau richtig ist. Und es kommt eher selten vor, daß ein fertiges Lied nach Produktionsende der anfänglichen Idee noch entspricht; wie gesagt: dynamisch. Aus dem ursprünglichen Folk-Rock-Song "Du fragst mich, ob ich dich liebe" wurde z.B. eine eher jazzige Pop-Produktion.
Es kam auch schon vor, daß ich an einem Stück nicht weiter arbeitete und es erst einmal auf Eis legte, weil der Song selbst so viele Möglichkeiten bot, ihn zu vertonen - von Country über Rock bis Rap oder Hip-Hop -, daß ich mich bisher nicht entscheiden konnte, wie die endgültige Fassung aussehen soll. Vermutlich werde ich alle Möglichkeiten ausarbeiten und auf nachfolgenden Tonträgern nach und nach alle Versionen veröffentlichen; oder eine komplette CD produzieren, auf der nur dieser Titel in all seinen Variationen veröffentlicht ist.

 

Was ist dir bei deiner Arbeit am wichtigsten?

Eine komfortable Umgebung zu haben, in der ich die Arbeit an meinen Songs auch genießen kann (lacht). Wichtig für mich ist an erster Stelle absolute Ruhe, es darf kein Geräusch von außen eindringen - ich muß das Gefühl haben, allein auf diesem Planeten zu sein. Nichts soll mich ablenken, keine Zerstreuung diese Atmosphäre der Abgelöstheit von der Welt zerstören: die Arbeit selbst muß das Vergnügen sein, sodaß die Energie, die ich in dieses Schaffen stecke, sich gleichzeitig aus den Ergebnissen dieser Arbeit wieder erneuert; ein geistiges Perpetuum Mobile sozusagen (lacht).

 

Mir fällt auf, daß du sehr häufig lachst, obwohl einige deiner Aussagen, vor allem aber deine Texte nicht gerade von einer Lust zu leben sprühen.

(lacht) Nun, ich lache gern, wenn ich auch nicht oft lache; dazu gibt es einfach zu wenige passende Gelegenheiten. Denn bei wirklich tiefer Betrachtung der menschlichen Gesellschaft bleibt nur Weinen oder Lachen, die Geschichte der Menschheit ist einfach so fürchterlich, wer das ernst nimmt, muß verrückt werden - deshalb versuche ich, lieber darüber zu lachen.

 

Vielen Dank für das Gespräch (lacht).

Bitte, gern geschehen (lacht).

Frank F mit dem Red-River-Duo im Studio von Radio "Kanal-Ratte".
frank-f@melancolico.de